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Von Hühnern, Göttern und Krimtataren.

„Ein Hühnergott – das ist ein Meeressteinchen mit einem kleinen Loch. Man sagt, die Krimtataren hätten geglaubt, daß ein solches Steinchen, mit dem Faden an die Hühnerstange gehängt, das Federvieh zu besserer Le-getätigkeit ansporne. Daher auch der Name Hühnergott. Später kam der Glaube hinzu, ein Hühnergott bringe auch dem Menschen Glück. Mir scheint, ein bißchen glaubt jeder an solche Glücksbringer, die einen mit kindlich vertrauensseeliger Offenheit, die anderen heimlich mit mürrischer Verbissenheit. Ich glaube heimlich daran.“

So schrieb Jewgeni Jewtuschenko in seiner Novelle „Der Hühnergott“ im Jahre 1963.
Bereits 1966 erschien Jewtuschenkos rührende Liebesgeschichte „Der Hühnergott“ erstmalig in deutscher Übersetzung und wurde insbesondere beim jugendlichen Lesepublikum sofort zum Bestseller. Das Buch mit Kultstatus ging von Hand zu Hand, und die erste Auflage konnte innerhalb eines Jahres vollständig verkauft werden.

Alljährlich wandern Urlauber mit Argusaugen am Strand entlang. Sie sind auf der Suche nach Bernsteinen, Donnerkeilen, Seeigeln oder nach Steinen mit Loch. Alle diese Steine sollen Glück bringen. Denn ohne Glück lassen sie sich gar nicht erst finden. Wenn solche Funde im Guten verschenkt werden, teilt sich das Glück und der Urlaub kann als gelungen gelten. – So sagt man jedenfalls.

Besonders den Steinen mit Loch werden noch heute geheimnisvolle Kräfte zugeschrieben. Sie gelten als Mittel des Gegenzaubers wider allerlei Unheil. Auf Rügen hat man durch Lochsteine gemolken, damit die Milch nicht verdirbt. In anderen Regionen wurden die Kiesel mit Loch gegen schlechte Träume getragen oder haben, im Dachstuhl verborgen, das Haus vor Blitzschlag geschützt.

Für Steine mit Loch gibt es daher im Volksmund der verschiedenen Regionen die unterschiedlichsten Bezeichnungen: „Drudenstein“, „Schratenstein“, „Trutelstein“, „Krottenstein“ oder „Albfüße“ sind hierfür weitverbreitete Beispiele. Alle beschreiben das gleiche auffällige und nicht ganz häufige Naturprodukt. Ein Hohlraum in einem Stein offenbart erst sein Loch, wenn er wie ein Käse von beiden Seiten angeschnitten wird. „Derartige Lochsteine dienen zur Abwehr böser Geister (Druden, Mahren, Alben) und sollen diese durch falsche Löcher in die Irre leiten, da die bösen Geister nämlich nie Türen benützen, sondern Schlüssellöcher, Ritzen und dergleichen.“ schreiben die Paläontologen Thenius & Vavra 1996 in ihrem Buch: Fossilien im Volksglauben und im Alltag.

Im „neufünfländischen Sprachgebiet“ überwiegt der Name „Hühnergott“ für Steine mit Loch. Aber das war nicht immer so. Der älteste philologische Nachweis - abgesehen von der Novelle selbst - stammt aus der 1985 erschienenen 18. Neubearbeitung des Großen (DDR-) Dudens. Hier steht sub verbum: „Hühnergott, Pl. ...götter (Lochstein als Amulett)“. Der Übersetzer der Jewtuschenko‘schen Novelle und gleichzeitige Schöpfer des Wortes „Hühnergott“ Thomas Reschke vermerkte in einer Pressemitteilung, „daß ein Wort von seiner Entstehung bis zu seiner Kanonisierung (Dudeneintrag) neunzehn Jahre benötigt“. Aber die Freude aller Hühnergottforscher hielt nicht lange vor. Der Begriff teilte das Schicksal zahlreicher anderer DDR-Sprachschöpfungen und verschwand aus dem verschriftlichten Wortschatz.

Dies war nach Ansicht eines Studenten der TU Berlin Grund genug für einen Eintrag im Ost-West-Wörterbuch. „Mit Wörtern und Redewendungen, die man einfach beherrschen muß, will man über die DDR mitreden“ und „damit auch Wessis in Zukunft nicht immer so unwis-send daneben stehen, wenn sich 2 Ossis unterhalten“ – so die Autoren.

Warum läßt sich nun dieser angeblich uralte Begriff lediglich im „Neufünfländischen“ nach-weisen? Warum in keinem Lexikon des deutschen Aberglaubens, warum nicht bei Grimm, Meyer, Brockhaus, Heinsius oder Wossidlo? Warum schweigt jedes Nachschlagewerk des 19. und 20. Jahrhunderts über einen Brauch, an den sich schätzungsweise 10 Millionen Ostdeut-sche erinnern können?

Der geübte Student der Europäischen Ethnologie fragt sich: Läßt sich hier ein volkskulturelles Phänomen vom Mantel des Uralten entkleiden? Konnten all die Gelehrten den „Hühnergott“ nicht erklären, weil sie ihn nicht kannten?

Frau Krakow kennt den „Hühnergott“ schon immer. Sie ist 79 Jahre alt, früher Gemeinde-krankenschwester an der Ostsee gewesen und nunmehr seit 20 Jahren Aufsicht im Mecklen-burgischen Volkskundemuseum Schwerin-Mueß. Sie hat den Hühnergott schon als Kind ge-sammelt und wird zornig, wenn ich ihr die Geschichten von früher nicht glaube. „Meine Eltern und Großeltern sammelten sowieso Hühnergötter und überhaupt ist dieser alte Brauch erst in letzter Zeit in Vergessenheit geraten. Deine Bücher wissen das auch nicht besser“ beendet sie in der Regel unser Gespräch über die Steine mit Loch.

Die WDR-Redakteurin Angela Sussdorf – übrigens ein besonders seltener und somit für die Hühnergottforschung außerordentlich wertvoller Beleg, weil aus dem Westen – schrieb dem Übersetzer Reschke, sie habe als Kind bei schulischen Wandertagen in der schwäbischen Alb Hühnergötter gesammelt. Er glaubte es wohl, bezweifelte aber, genau wie ich, daß sie diese auch Hühnergötter nannte.

Sollte also die Übersetzung einer russischen Novelle, deren Verbreitung sich auf die DDR der 60er und 70er Jahre beschränkt, die Grundlage für die als uralt angenommene Bezeichnung „Hühnergott“ sein? War dies der Anlaß, einem alten Brauch einen aktuellen, populären Na-men zu geben? Wurden so neue Brauchträger gefunden, die diesen fortan pflegten und schließlich als althergebracht, traditionell und überliefert annahmen?

Daß unsere Vorfahren Steine mit Löchern gesammelt haben, steht außer Frage, aber ob sie diese „Hühnergötter“ nannten, weiß ich noch immer nicht. Und noch etwas bleibt unklar: wo bleibt die Wissenschaft, wenn wir unseren Gewährsleuten glauben?

Im Namen aller Hühnergottforscher wurde nun auf Grund nicht geringem wissenschaftlichen Interesses, vom Autor dieses Essays ein Preis ausgelobt. Für den zwingenden (belegten) Nachweis, daß es die deutsche Bezeichnung schon vor der Mitte der sechziger Jahre gab, wird ein beachtlicher „Sternberger Kuchen“ vergeben.

Vielleicht ist es aber auch egal, wie alt der Begriff ist und woher der Brauch kommt. Wichtig ist die Bedeutung des Brauchgegenstandes für den aktuellen Brauchträger – der alljährlich mit Argusaugen am Strand entlang wandert.

Ich trage auch einen Glücksstein in der Hosentasche. Jeden Tag einen anderen.

Text: Volker Janke


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